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Lagebild KI SchweizOktober 2026

KI findet Lücken schneller, als Organisationen sie schliessen

Was sich seit der letzten Ausgabe bewegt hat, ausgewählt aus Schweizer und internationalen Fachmedien. Zu jedem Punkt: was passiert ist, was es für KMU, Treuhand- und Finanzdienstleister sowie Verwaltungen bedeutet, und die Quellen im Original.

Anthony Smith · veröffentlicht am

  1. 01 Genutzt wird viel, gewonnen noch wenig
  2. 02 KI findet die Lücke, schliessen müssen sie Menschen
  3. 03 Die FINMA verlangt den Nachweis, dass ein Mensch vor der Kamera sitzt
  4. 04 Schatten-KI wächst, wo erlaubte Werkzeuge fehlen
  5. 05 Wer in KI-Antworten fehlt, wird nicht gefunden
  6. 06 Der Bund will automatisieren, seine Daten sind noch nicht bereit
  7. 07 Souveränität wird eingekauft, der Ausstieg selten geplant

Genutzt wird viel, gewonnen noch wenig

Was passiert ist

28 Prozent der Schweizer Arbeitnehmenden nutzen generative KI täglich, mehr als im weltweiten Durchschnitt (22 Prozent). Nur 10 Prozent sehen aber eine klare Verbesserung ihrer Arbeitsqualität, so die Studie «Hopes and Fears 2026» von PwC mit 1000 Befragten in der Schweiz. In der Swiss IT Study 2026 setzen erst 7,1 Prozent der Unternehmen KI skaliert ein; als grösste Hürden nennt die KI-Marktstudie von MSM Research fehlende Fachleute (fast sechs von zehn Unternehmen), Datenschutz und Compliance (47 Prozent) sowie hohe Kosten im Dauerbetrieb (43 Prozent).

Was es bedeutet

Der Befund aus der letzten Ausgabe bestätigt sich: Die Lücke liegt nicht im Zugang zu KI, sondern zwischen dem Ausprobieren und dem Alltag. Mehr Lizenzen schliessen sie nicht. Es braucht Abläufe, in denen KI eine klar umrissene Aufgabe übernimmt, und Mitarbeitende, die wissen, wofür sie sie einsetzen.

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KI findet die Lücke, schliessen müssen sie Menschen

Was passiert ist

Zwei kritische Lücken in PHP, der Programmiersprache hinter Millionen von Websites, erlaubten es, Webserver ohne Anmeldung zu übernehmen. Gefunden haben sie zwei Teams mit KI, eines in einer von OpenAI finanzierten Prüfung; gemeldet im August, wurden sie rund zwei Monate im Verborgenen behoben, obwohl das PHP-Team erste Hinweise schon 2024 hatte und selbst von einem «strukturellen Versagen» spricht. Nach einem Leck kam das Update am 21. Oktober einen Tag früher, einen ersten Angriffsversuch hatte Amazon da schon vier Tage zuvor registriert. Die Kantone Basel-Stadt und Neuenburg, die Universität Genf und die EPFL nahmen Websites vorsorglich vom Netz; am 22. Oktober waren noch gut 23'000 Server mit Schweizer Bezug verwundbar, erfolgreiche Angriffe in der Schweiz aber bis dahin keine bekannt.

Was es bedeutet

KI findet über Jahre verborgene Lücken schneller, für Verteidiger wie für Angreifer. Der Engpass liegt danach beim Menschen: Anthropic meldet 29'000 mögliche Lücken in sechs Monaten, von Hand geprüft wurden rund 6'000. Geschlossen wird weiterhin klassisch, nur schneller: wissen, wo PHP läuft, auch in Geräten und eingekaufter Software, beim Lieferanten nachfragen, wie es das BACS empfiehlt, und innert Stunden aktualisieren oder abschalten. Updates erst nach Tagen oder Wochen einzuspielen, reicht nach Einschätzung der NZZ nicht mehr.

Die FINMA verlangt den Nachweis, dass ein Mensch vor der Kamera sitzt

Was passiert ist

Ab November 2026 müssen Finanzinstitute bei der Online-Identifizierung mit einer Liveness Detection sicherstellen, dass eine lebendige Person das Verfahren durchläuft. Sie soll verhindern, dass Betrüger die Kontoeröffnung mit Fotos, Videos oder Deepfakes austricksen; die FINMA begründet die Teilrevision ihres Rundschreibens «Video- und Online-Identifizierung» ausdrücklich mit den steigenden Risiken durch künstliche Intelligenz. Zugleich lässt sie die E-ID für die digitale Eröffnung von Kundenbeziehungen zu.

Was es bedeutet

Was KI für Angreifer billig macht, wird für die Verteidigung zur Pflicht: Ein Gesicht in einem Video beweist keine Person mehr. Bei der Erkennung digital eröffneter Konten, die betrügerisch genutzt werden, sieht die FINMA bei Banken zudem Nachholbedarf. Wer als Finanzinstitut Kundschaft digital eröffnet, sollte bei seinem Anbieter nachfragen, ob dessen Verfahren die Vorgabe ab November erfüllt.

Schatten-KI wächst, wo erlaubte Werkzeuge fehlen

Was passiert ist

79 Prozent von 1600 befragten Führungskräften weltweit stellen KI-Anwendungen oder KI-Agenten fest, die Mitarbeitende ohne Wissen der IT eingeführt haben, so der Nutanix Enterprise Cloud Index 2026; 87 Prozent sehen darin ein Risiko, etwa für sensible Kundendaten. Wie es dazu kommt, beschreibt ein IT-Dienstleister am Beispiel von Buchhaltungsfirmen in den USA: Ist das Kontingent des erlaubten Werkzeugs unter Termindruck aufgebraucht, laden Mitarbeitende Kundenunterlagen in einen kostenlosen Chatdienst. Eine Auswertung von Risikomonitor deutet auf die Folgen hin: Bei 80,2 Prozent von 131 Schweizer Opfern von Erpressungsangriffen tauchten Firmenadressen in Datenlecks auf, bei den untersuchten Schweizer Firmen-Websites insgesamt bei 16,3 Prozent. Als mögliche Erklärung nennt das Unternehmen Online-Dienste, bei denen sich Mitarbeitende ohne Freigabe der IT mit der Geschäftsadresse registrieren; einen Beweis für die Ursache liefert die Studie ausdrücklich nicht.

Was es bedeutet

Mitarbeitende greifen zu dem Werkzeug, das gerade verfügbar ist, und ein Verbot verlegt die Nutzung nur dorthin, wo niemand hinsieht. Die Verantwortung bleibt trotzdem beim Unternehmen: Wer einen Auftrag ausführt, haftet nach Art. 398 OR für die Sorgfalt, auch wenn ein Fehler aus einer KI stammt, wie TREUHAND|SUISSE am Beispiel der Treuhand ausführt. Daraus folgt ein erlaubtes Werkzeug mit genug Kapazität und festgelegtem Einsatzzweck, das vertrauliche Daten im eigenen Haus verarbeitet, statt einer Regel, die unter Termindruck nicht hält.

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Wer in KI-Antworten fehlt, wird nicht gefunden

Was passiert ist

Der Bündner Softwareanbieter Quaryan hat 276 Betriebe aus sechs Schweizer Städten bei ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity geprüft: 41 Prozent kamen in keiner einzigen Antwort vor, nur 12 Prozent bei allen vier. Mehr als die Hälfte der Antworten nannte kein Geschäft der Branche vor Ort, sondern Ketten und grosse Marken. Eine Messung der Agentur Frascati zeigt dasselbe Muster: Ein einzelner unabhängiger Optiker erscheint im Schnitt nur in 42,9 Prozent der Antworten zu seiner Stadt.

Was es bedeutet

KI-Assistenten übernehmen die Rolle der Suchmaschine, und sie nennen wenige Namen statt einer Liste. Wer dort fehlt, verliert Kundschaft, ohne es zu merken. Am häufigsten zitieren die Assistenten die Website des Betriebs selbst, danach Verzeichnisse wie local.ch: Vollständige Einträge und eine Website, die häufige Fragen klar beantwortet, sind der Hebel, auch wenn sie eine Nennung nicht garantieren.

Der Bund will automatisieren, seine Daten sind noch nicht bereit

Was passiert ist

Der Bundesrat hat am 2. Oktober fünf vorrangige Bereiche für Automatisierung und KI in der Bundesverwaltung festgelegt, darunter das Datenmanagement: «verlässliche Daten für verlässliche Automatisierung». Wie weit der Weg ist, zeigt die Eidgenössische Finanzkontrolle: Nur zwei der sieben Departemente, UVEK und VBS, haben eine formalisierte Datengouvernanz mit einer Datenstrategie in Umsetzung, obwohl der Bundesrat das Zielbild 2021 beschlossen hat. Bei Microsoft 365 rügt sie die Datensicherung, deren Verwaltungskonsole in den USA liegt.

Was es bedeutet

Automatisierung scheitert selten am Modell, sondern an Daten, deren Herkunft und Zuständigkeit niemand geregelt hat. Bundeskanzler Viktor Rossi zieht zudem eine Grenze: Prüfen, Abwägen und Verantworten dürfen nicht an eine Maschine delegiert werden, auch wenn es technisch möglich wäre. Beides gilt für Kantone und Gemeinden genauso: zuerst Daten und Zuständigkeiten klären, dann automatisieren, und der Entscheid bleibt beim Menschen.

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Souveränität wird eingekauft, der Ausstieg selten geplant

Was passiert ist

Der Bund hat die Swiss Government Cloud ausgeschrieben, mit bis zu 7 Milliarden Franken über 14 Jahre. Die Digitale Gesellschaft befürchtet, dass die Zuschläge erneut vor allem an US-Konzerne gehen. In einer Umfrage der Hochschule Luzern und von ti&m halten 73 Prozent von 200 Organisationen digitale Souveränität für wichtig, einen Ausstiegsplan für zumindest einige kritische Dienste haben nur 32 Prozent. Wie schwer der Schritt bei KI fällt, zeigt das Parlament: Seine neue KI-Assistentin Pia bietet zwei Modelle aus China, eines aus den USA und eines aus Frankreich an, das Schweizer Sprachmodell Apertus aber nicht, weil es eher etwas dazuerfindet. Selbst Swisscom, Partnerin des Projekts von Anfang an, verkauft ihrer Kundschaft lieber Zugang zu amerikanischen Modellen.

Was es bedeutet

Die Abhängigkeit zeigt sich laut der Umfrage vor allem als Mehrkosten, am stärksten bei Arbeitsplatzlösungen. Und Herkunft allein macht ein Modell nicht brauchbar: Ob es für die Aufgabe genügt, muss geprüft werden, bevor es eingesetzt wird. Für KI heisst das: Vertrauliches auf einem Sprachmodell auf eigener Hardware oder bei einem Schweizer Anbieter, Alltägliches in der Cloud, und für beides einen Plan B.

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Das Lagebild erscheint gegen Ende jedes Monats und entsteht aus Signa. Die Auswahl und die Einordnung stammen von mir; jede Aussage führt zur Quelle.

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Anthony Smith auf einer beleuchteten Treppe

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