Lagebild KI SchweizSeptember 2026
KI ist verbreitet – verankert ist sie selten
Fünf Entwicklungen aus dem September 2026, ausgewählt aus Schweizer und internationalen Fachmedien. Zu jedem Punkt: was passiert ist, was es für KMU, Treuhand- und Finanzdienstleister sowie Verwaltungen bedeutet, und die Quellen im Original.
Anthony Smith · veröffentlicht am
01 Entwicklung 1 von 5
Angefangen haben viele, angekommen sind wenige
Was passiert ist
57 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen KI ein, etwas mehr als im europäischen Durchschnitt (54 Prozent). Von ihnen bleiben aber 60 Prozent bei Grundlegendem wie öffentlich verfügbaren Chatbots, nur 18 Prozent nutzen KI tiefgreifend. So eine Studie von Strand Partners im Auftrag von AWS mit 1000 Führungskräften. ICTjournal verweist auf eine Auswertung des MIT, wonach 95 Prozent der Pilotprojekte mit generativer KI keinen messbaren Ertrag bringen – selten wegen der Technik.
Was es bedeutet
Der Engpass ist nicht der Zugang zu KI, sondern ihre Verankerung in den Abläufen. ICTjournal nennt eine Ursache: KI wird an ein abgetrenntes Kompetenzzentrum ausgelagert, statt bei den Fachleuten zu entstehen, die die Arbeit kennen. Wer weiterkommen will, beginnt bei einem Ablauf, nicht bei einem Werkzeug.
Quellen
- Netzwoche, 31.08.2026 Schweizer Unternehmen kratzen bei KI oft nur an der Oberfläche
- ICTjournal, 31.08.2026 Votre stratégie IA rassure tout le monde: c’est exactement pourquoi elle échoue (auf Französisch)
02 Entwicklung 2 von 5
KI kommt in die Software, die KMU schon haben
Was passiert ist
Bexio liest Belege seit 2023 mit KI aus und hat Ende 2025 Kontera übernommen. Ein gemeinsam entwickelter KI-Agent verbucht Rechnungen und Belege vollautomatisch nach dem Schweizer Kontenplan – «Beleg rein, Buchung raus», so der Produktchef Claudio Beltrametti. Weitere KI-Anwendungen sollen im Lauf des Jahres folgen.
Was es bedeutet
Für KMU verschiebt sich die Frage von «welches KI-Werkzeug» zu «was kann unsere Software schon, und wer behält die Kontrolle». Wo ein Agent bucht, braucht es Regeln, wer freigibt und wer prüft – auch wenn der Hersteller die KI liefert. Die endgültige Verantwortung, sagt auch Bexio, bleibt beim Menschen.
Quellen
- Netzwoche, 23.09.2026 So verändert KI laut Bexio den Geschäftsalltag
03 Entwicklung 3 von 5
Die öffentliche Hand baut eigene KI
Was passiert ist
Nach dem Ständerat will auch der Nationalrat eine souveräne digitale Infrastruktur für KI, mit 126 zu 66 Stimmen. Die Bundeskanzlei baut für rund 3000 Mitarbeitende eine Arbeitsplatzsoftware neben Microsoft 365 auf, das Parlament testet ein Jahr lang die KI-Assistentin «Pia», betrieben in der Schweiz. Zugleich muss der Bund sparen: Von acht KI-Massnahmen werden vorerst sechs fortgeführt, 116 KI-Projekte laufen.
Was es bedeutet
Souveränität heisst in der Verwaltung zweigleisig fahren: Microsoft 365 als Standard, eigene Lösungen dort, wo Daten besonders schützenswert sind. Das Muster taugt auch für Kantone, Gemeinden und datensensible Firmen – Vertrauliches auf eigener Infrastruktur, Alltägliches in der Cloud.
Quellen
- Netzwoche, 25.09.2026 Update: Nationalrat will eine souveräne Schweizer KI-Infrastruktur
- ICTjournal, 25.09.2026 Le Conseil national approuve le projet d’infrastructure numérique souveraine à l’ère de l’IA (auf Französisch)
- heise online, 08.09.2026 Schweiz baut Alternative zu Microsoft 365 auf
- ICTjournal, 08.09.2026 L’assistante IA «Pia» fait son entrée au Parlement (auf Französisch)
- Inside IT, 21.09.2026 Bund setzt bei KI-Strategie neue Prioritäten
04 Entwicklung 4 von 5
Agenten brauchen Grenzen, bevor sie handeln
Was passiert ist
Microsoft lässt für gehostete Agenten festlegen, welche Adressen sie überhaupt erreichen dürfen; LangChain greift Agenten gezielt an, bevor sie in Betrieb gehen. eGovernment beschreibt für Antragsverfahren, jede mögliche Aktion eines Agenten vorab einer Klasse zuzuordnen – nach Wirkung, Datenzugriff und Umkehrbarkeit. Und ein Vermögensverwalter hält auf finews fest: Verantwortung lässt sich nur durchsetzen, wenn eine unabhängige Prüfung jeden einzelnen Maschinenentscheid rekonstruieren kann.
Was es bedeutet
Die Frage ist nicht mehr, ob Agenten eingesetzt werden, sondern wo ihre Grenze liegt und wer sie zieht. Die Antwort gehört in den Ablauf, nicht in die Anweisung an das Modell. eGovernment schreibt es wörtlich: Die Unterschiede «müssen in der Prozesslogik stehen und dürfen nicht erst aus der Antwort des Modells abgeleitet werden».
Quellen
- Microsoft Foundry Blog, 24.09.2026 Control where your hosted agent connects with network egress in Foundry Agent Service (auf Englisch)
- LangChain Blog, 24.09.2026 New in LangSmith Engine: red teaming and automated testing (auf Englisch)
- eGovernment, 18.09.2026 Entscheidungsgrenzen für KI-Agenten
- finews.ch, 18.09.2026 KI in der Vermögensverwaltung: Der Disclaimer reicht nicht
05 Entwicklung 5 von 5
KI-Kompetenz wird zur Anforderung
Was passiert ist
Der Anteil Schweizer Stelleninserate, die KI-Kenntnisse verlangen, ist innert zwölf Monaten um rund 54 Prozent auf 6,6 Prozent gestiegen; im Rechnungswesen sind es 11,8 Prozent, so eine Auswertung von Indeed. Eine Modellrechnung der ZHAW im Auftrag des Kantons Zürich erwartet durch KI zusätzlich 1,1 Prozent Produktivitätswachstum pro Jahr – in den letzten 25 Jahren waren es im Schnitt 0,5 Prozent.
Was es bedeutet
KI-Kenntnisse wandern aus der Informatik in Rechnungswesen, Marketing und Recht. Wer Mitarbeitende nicht schult, bekommt KI trotzdem – nur ohne Regeln. Schulung und Regeln gehören deshalb zusammen.
Quellen
- Inside IT, 24.09.2026 KI-Kenntnisse in Schweizer Stelleninseraten immer begehrter
- Netzwoche, 24.09.2026 Kanton Zürich rechnet mit deutlichem Produktivitätswachstum durch KI